Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Krise, die viele Privathaushalte, Organisationen, Vereine und Unternehmen noch immer vor große existenzielle Herausforderungen stellt, wird anlässlich des Tages der Deutschsprachigen Gemeinschaft wohl keine richtige Feierlaune aufkommen. Doch darum geht es auch nicht; der Tag der DG ist vielmehr ein Moment der kritischen Selbstreflexion und Standortbestimmung.

Wir schauen in den Rückspiegel, werfen aber vor allem den Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft. „In welcher Gemeinschaft wollen wir leben?“ ist die einzig zentrale Frage.

Am 15. November, am Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft, blicken wir auf fast 50 Jahre Autonomieentwicklung zurĂźck. Vor einem halben Jahrhundert wurde in Belgien ein dynamischer FĂśderalisierungsprozess in Gang gesetzt, der auch der ostbelgischen BevĂślkerung nach und nach die politischen Instrumente in die Hand gab, um Politik nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Im Zuge von sechs großen Staatsreformen und durch die schrittweise Übertragung bedeutender Zuständigkeiten von der Wallonischen Region an unsere Gemeinschaft verfügen 78.000 deutschsprachige Belgier inzwischen über eine weitreichende Autonomie, die es ihnen ermöglicht, selbstbestimmend die politischen Weichen in zentralen Bereichen zu stellen.

Für die ProDG-Bürgerbewegung waren Autonomie und Autonomieerweiterung zu keinem Zeitpunkt „Religionsersatz“ oder gar ein „anzubetender Götze“. Wir verstehen Autonomie immer nur als probates Mittel, um deutliche Mehrwerte für die Menschen in unserer Gemeinschaft zu schaffen. Nur darauf kommt es an. Autonomie ist weder selbstverliebte Nabelschau noch Selbstzweck; sie ist lediglich Mittel zum Zweck.

Der Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft sollte immer wieder dazu genutzt werden, um den Menschen zu zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen unserer Autonomie und dem breiten Dienstleistungsangebot in unserer Gemeinschaft gibt.

ProDG bekennt sich zur Idee der Subsidiarität, d.h. die Ostbelgier sollen selber entscheiden, wie sie das Zusammenleben und die ihnen ßbertragenen Zuständigkeiten in der DG gestalten. Das hat nichts mit Abkapselung zu tun. Im Gegenteil, wir wissen, dass wir auf vielfältige Kooperationen mit Partnern im In- und Ausland angewiesen sind.

Autonomie grenzt nicht aus; Autonomie ist die Voraussetzung fĂźr Kooperation auf AugenhĂśhe zwischen gleichberechtigten Gliedstaaten in Belgien.

Freddy Cremer, Vorsitzender der ProDG-Fraktion im PDG